Dagmar
Kübler
Texte für Presse und Unternehmen. Klare Worte. Gute Texte.
Erschienen in der Wochenzeitung Landsberger Extra:

Gebt dem Hasen Deckung
Text: Dagmar Kübler
Ausgaben zu Ostern, Weihnachten etc. sind den Redaktionen von Zeitungen ein Horror. Was soll man sich nur Jahr für Jahr zum immer gleichen Themenkreis einfallen lassen? Mit einer Prise Humor wurde die Meldung der Deutschen Wildtierstiftung über den Rückgang der Feldhasenpopulation zu einem nicht alltäglichen Lese-Häppchen.
FeldhaseSchlechte Nachrichten kurz vor Ostern: das Volk der Hasen schrumpft und ist zudem vollbeschäftigt. Nein, nicht mit dem Ostergeschäft. Kaum einer hat Zeit für die bunte Kleckserei, gerade jetzt im Frühling, wo die netten Häsinnen verlockend mit den Löffeln winken. Viele potentielle Osterhasen verbringen ihre Zeit damit, ihre Männlichkeit mittels Boxkämpfen zu demonstrieren. Da ein Schlagabtausch ohne Zuschauer nicht motiviert, sitzt die Häsin lieber am Ring statt vor dem Farbtopf. Natürlich tut sie das nicht ganz uneigennützig, zieht sie doch anschließend mit dem Sieger von dannen, um fleißig für Nachwuchs zu sorgen. Ihre Fruchtbarkeit ist sprichwörtlich, von Februar bis September wirft sie etwa 18 Junge.

Dennoch werden unsere langohrigen Freunde immer weniger. Ob es an der Doppelbelastung durch Fortpflanzung und Osterstress liegt, ist noch nicht ausreichend erforscht. Doch weiß man inzwischen, dass dem Hasen die Deckung fehlt: Als kräutermümmelnder Feld- und Wiesenbewohner muss er Schutz im Gestrüpp suchen, wenn der Habicht über ihm kreist oder die Sonnenblumen-Gruppe aus dem Kindergarten auf der Suche nach seiner Mal-Werkstatt durchs frische Grün stapft.

Während die Agentur für Arbeit inzwischen Kaninchen als Aushilfskräfte anwirbt, spricht die Familienministerin durch die Blume von Kindergelderhöhung, in Fachkreisen "Hoppelprämie" genannt. Diese soll in Form von Hecken und kräuterreichen Wiesen gezahlt werden. Inzwischen werden hektisch dunkle Kaninchenhöhlen elektrifiziert, da die bisherigen Malergebnisse den Anforderungen moderner Kinder keinesfalls genügen. Auch die Logistik gestaltet sich schwierig: So manches Ei zerbricht beim Transport in die unterirdischen Kunstschmieden.

Sollte Ihr Kind dieses Jahr ein erdverschmiertes Ei mit Farbklecksen in seinem Nestchen finden, so weist das eindeutig auf ein Kaninchen im ersten Lehrjahr hin. Ein perfektes Osterei sollten Sie allerdings aufheben, es ist vielleicht das letzte.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Er darf weder ganz noch auszugsweise von Dritten verwendet werden. Foto: Deutsche Wildtierstiftung/T. Martin

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